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Nachricht vom 31.03.2026
Vereine
Aufregung nach Abstimmung: Auch 2026 dürfen keine Frauen in die Kirmesgesellschaft Hachenburg eintreten
Traditionell dürfen nur Männer der Kirmesgesellschaft Hachenburg beitreten. Eine völlig veraltete Regelung, könnte man meinen. Trotzdem wurde ein Antrag auf Satzungsänderung nicht mit der erforderlichen Zweidrittelmehrheit angenommen.
Umzug bei der Hachenburger Kirmes. Foto: Lara Jane Schumacher (Art of Jane)Hachenburg. Denkbar knappe vier Stimmen haben offenbar gefehlt, um die Satzungsänderung durchzubringen, nach der ab diesem Jahr auch Frauen in die Kirmesgesellschaft Hachenburg eintreten dürfen. Über den Antrag wurde auf einer Versammlung der KG Hachenburg am Freitag, 27. März, abgestimmt. "Diese Entscheidung ist nicht nur schwer nachzuvollziehen, sondern zeigt deutlich, dass überholte Strukturen und Denkweisen weiterhin Bestand haben", liest man dazu aktuell in einer Petition dagegen unter dem Titel: "2026 oder doch Jahrzehnte im Rückstand in Hachenburg?". Bis Dienstagnachmittag haben rund 600 Personen die Petition unterzeichnet. Es sei nicht hinnehmbar, dass Frauen auch heute noch von der aktiven Teilhabe am Vereinsleben und an Traditionen ausgeschlossen werden und dies mit dem Argument der Tradition begründet werde. "Die Möglichkeit, in einer anonymen Abstimmung darüber zu entscheiden, ob andere Menschen - zum Beispiel aufgrund ihres Geschlechts - ausgeschlossen werden, ist nicht nur unangemessen, sondern widerspricht grundlegenden Werten unserer heutigen Gesellschaft", heißt es weiter im Text zur Petition. Gleichberechtigung sei kein optionales Ziel, sondern ein grundlegendes Recht. Vereine seien ein Spiegel unserer Gesellschaft und sollten für Respekt, Vielfalt und Gleichberechtigung stehen. "Es ist an der Zeit, gemeinsam ein Zeichen zu setzen und deutlich zu machen: Diskriminierung und Frauenfeindlichkeit haben keinen Platz in Hachenburg! Wir können mehr als nur in einer schönen Tracht daneben stehen!"

Auch Männer sehen Ausschluss von Frauen kritisch
Gestartet hat die Petition Leonie Bürger. Im Gespräch mit dem WW-Kurier erzählt sie, dass ihr Papa, ihr Bruder, Nachbarn und Bekannte Mitglieder der Kirmesgesellschaft sind - und dass sie als gebürtige Hachenburgerin das auch gerne wäre. Schon vorletztes und letztes Jahr hatte sie eintreten wollen, sei aber an der Regelung gescheitert. Umso mehr hat sie sich darauf gefreut, dass in diesem Jahr endlich die Satzung geändert werden sollte, damit auch Frauen der KG beitreten können. "Die Enttäuschung war riesig, als klar wurde, dass die nötige Mehrheit bei der Abstimmung nicht erreicht wurde. Dann kam auch gleich der Gedanke: ‚Das lass‘ ich nicht auf mir sitzen‘", erklärt sie zu en Beweggründen für die Petition. "Ich möchte Teil dieser Gemeinschaft sein, ich möchte mich einbringen und helfen. Und davon abgesehen, geht es auch ums Prinzip." Leonie Bürger nimmt es daher als positiv wahr, dass nach der Abstimmung über die Satzungsänderung auch Männer aus Protest über einen Austritt aus der der Kirmesgesellschaft nachdenken. "Das Problem scheint nicht nur Frauen zu betreffen. Auch viele Männer, über alle Generationen hinweg, sehen die Entscheidung in der heutigen Zeit kritisch. Und auch von anderen Kirmesgesellschaften haben wir entsprechende Rückmeldungen bekommen. Das Thema zieht also Kreise", stellt die Studentin fest.

Video sorgt für Aufmerksamkeit
Auch Luisa Kohlhas ärgert sich über das Abstimmungsergebnis. Sie ist ebenfalls gebürtige Hachenburgerin, ihr Vater und ihr Freund sind Mitglieder der Kirmesgesellschaft und wie auch Leonie Bürger möchte sie sich aktiv in das Vereinsleben einbringen. "Ich bin davon ausgegangen, dass ab diesen Jahr endlich auch Frauen beitreten dürfen. Ich möchte in der KG mitentscheiden, mithelfen." Weil davon letztendlich doch auch die männlichen Mitglieder profitieren, versteht sie die Entscheidung gegen die Satzungsänderung erst Recht nicht. "Vor allem stört mich, dass man in Gesprächen überhaupt keine nachvollziehbaren Argumente gegen den Beitritt von Frauen hört. ‚Das ist halt Tradition‘ klingt für mich nicht besonders überzeugend." Ihre Kritik hat sie in einem Video auf ihrem Instagram-Profil zusammengefasst und öffentlich gemacht. Wie auch die Petition sorgt es aktuell für eine öffentliche Wahrnehmung und zahlreiche Rückmeldungen - Luisa Kohlhas hofft daher, dass es wenigstens im kommenden Jahr doch noch mit einer Satzungsänderung klappt. "Man muss ja auch sehen, dass die Mehrheit bei der Abstimmung dafür war. Und auch der Vorstand steht dahinter. Es fehlten letztendlich nur wenige Stimmen."

Vorstand der KG Hachenburg steht hinter Satzungsänderung
Ob Luisa Kohlhas, Leonie Bürger und andere betroffene Frauen auch juristisch gegen die Praxis der Kirmesgesellschaft, Frauen aufgrund ihres Geschlechts auszuschließen, vorgehen wollen, können sie aktuell noch nicht sagen. "Wir hoffen jetzt erst mal weiter auf die Öffentlichkeit und ein größeres Bewusstsein für die Problematik. Wir wollen mit möglichst vielen Leuten ein Zeichen setzen und von innen heraus den Umschwung schaffen", so beschreibt es Luisa Kohlhas. Dafür spreche auch, dass der Vorstand der KG sich ebenfalls für die Satzungsänderung eingesetzt hatte und dem Beitritt von Frauen offen gegenüber steht.

"Der Antrag auf Satzungsänderung kam ja auch von einem Mann. Und schon seit Jahren kommen aus der KG heraus immer wieder Überlegungen und Stimmen, die den Beitritt von Frauen ermöglichen wollen. Man kann also keineswegs sagen, dass die ganze Kirmesgesellschaft Hachenburg frauenfeindlich sei!", betont Leonie Bürger. Vielmehr stehe der Vorstand der KG hinter den gewünschten Veränderungen, und auch viele andere setzen sich dafür ein. Neben Mitgliedern der KG und dem am Freitag neu gewählten Vorsitzenden, Sascha Jahn, gehöre dazu auch der Bürgermeister der Stadt Hachenburg, Stefan Leukel. Das habe er bei einem kürzlich statt gefundenen Treffen deutlich gemacht. "Das, was da ins Rollen gekommen ist, ist eine gemeinschaftliche Aktion", erklärt Leonie Bürger.

KG-Vorsitzender: "Eine gewachsene Idee"
Diesen Eindruck gewinnt man auch, wenn man mit Sascha Jahn spricht. "Wir haben das Thema vor drei Jahren erstmals ernsthaft aufgegriffen. Immer mehr unserer Mitglieder haben sich dahingehend geäußert, dass sie nicht verstehen, warum ihre Frauen, Freundinnen, Schwestern nicht Mitglieder der Kirmesgesellschaft Hachenburg sein dürfen, obwohl sie immer dabei sind, sich einbringen und helfen. Wir haben das dann als Arbeitsauftrag aufgefasst." Seit etwa einem dreiviertel Jahr wurde das Thema dann offen diskutiert, seit vielen Monaten schon habe es dazu offene Vorstandssitzungen gegeben. Letztendlich hat der Vorstand dann den Satzungsänderungsentwurf ausgearbeitet. "Frauen den Beitritt zur KG zu ermöglichen, ist als keine spontane Idee. Wir haben den Gedanken schon über eine lange Zeit entwickelt." Rund 80 der anwesenden Mitglieder haben nach Aussage Jahns bei der Versammlung am Freitag für die Satzungsänderung gestimmt, etwa 50 dagegen. "Die Mehrheit ist also dafür, das kann man festhalten", betont Jahn. Warum dennoch so viele gegen die Satzungsänderung gestimmt haben, kann er sich nicht wirklich erklären. "Was ich da zu hören bekomme, sind für mich keine sachlichen, objektiven Argumente. Von ‚Tradition‘ kann man auch kaum sprechen, schon unser Wappen zeigt einen Mann und eine Frau. Ich kann mir nur vorstellen, dass viele Angst vor Veränderung haben. Dass sie die Kirmesgesellschaft als einen Ort betrachten, an dem alles so ist, wie es schon immer war."

Treffen in der Krone in Hachenburg
Wie es in der Sache nun weiter gehen könnte, ist Thema bei einem Treffen am 11. April um 18 Uhr in der Krone in Hachenburg. Organisiert wird es von einem Zusammenschluss von Frauen, die die Entscheidung nicht einfach hinnehmen wollen. Interessierte sind willkommen, auch Bürgermeister Leukel hat sein Kommen angekündigt, der Vorstand der KG ebenfalls. Geplant ist der Abend als zunächst moderierte Veranstaltung, um danach ins Gespräch und in den Austausch zu kommen. Sascha Jahn erklärt dazu, dass die KG "sich nicht wegducken, sondern offiziell an der Diskussion beteiligen und positionieren will".







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