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Nachricht vom 19.03.2019 - 14:05 Uhr    

Umdenken, um biologische Vielfalt zu erhalten

Insektensterben aufhalten, Bienen retten, biologische Vielfalt schützen, Lebensräume erhalten! Dr. Andreas Segerer und Naturschutzinitiative e.V. (NI) fordern ein Umdenken, um das Insektensterben und den Artenrückgang zu stoppen. Der Vortrag des international bekannten Insektenforschers Dr. Andreas Segerer zum Insektensterben in Bad Marienberg begeisterte trotz bedrückender Botschaft über 100 Teilnehmer.

Team der Naturschutzinitiative e.V. (NI) mit Dr. Andreas Segerer, 3.v.l.; Harry Neumann, 2.v.r. Foto: NI

Bad Marienberg. „Dass ich einmal zum Sterbebegleiter des Artensterbens werden würde, hätte ich mir als Student nie vorstellen können“. Dieses waren die einleitenden Worte von Dr. Andreas Segerer, Oberkonservator an der weltweit bedeutenden Staatssammlung München und Wissenschaftlicher Beirat der Naturschutzinitiative (NI), der auf Einladung des Umweltverbandes NI vor über 100 interessierten Zuhörern im Wildparkhotel Bad Marienberg referierte.

Die Botschaft ist beklemmend: Der weltweite Artenrückgang, besonders bei Insekten, ist einer der größten Herausforderungen unserer Zeit. In einer Graphik zu den Belastungsgrenzen der Erde („planetary boundaries“) wurde schnell klar, dass der Arten- und Biomasseschwund zusammen mit den ebenso bedrohlichen stofflichen Belastungen, besonders von Stickstoffeinträgen, das Überleben von Menschheit und Natur deutlich mehr bedroht als die ebenfalls ernst zu nehmenden Folgen des Klimawandels. Naturschutz dürfe daher nicht in Klimaschutz umgedeutet oder auf Klimaschutz reduziert werden, betonte der Experte. Dies sei ein fataler Irrtum.

Insekten sind nach Dr. Segerer vor allem Nahrungsgrundlage für andere Tiere, sind Bestäuber für 90 Prozent aller Pflanzen, davon 75 Prozent aller Nutzpflanzen und für die Wiederverwertung abgestorbenen Lebens und Kot unverzichtbar. Allein der ökonomische Nutzen der planetaren Ökosystemdienstleistungen wird auf über 190 Billionen Euro geschätzt.

Dr. Andreas Segerer verglich die Folgen des Artensterbens anschaulich mit einer Hängematte, in der man Faden für Faden, Knoten für Knoten entferne. Irgendwann reiße diese dann. So sei es auch mit dem Artenrückgang: „Die Arten sterben mit ihren Lebensräumen“, so der Wissenschaftler.

Anders als bei der Klimaveränderung, bei der noch viele Folgewirkungen unklar seien, seien die Folgen des Artensterbens schon seit Mitte des 18. Jahrhunderts klar umrissen worden. Passiert sei zwar einiges in der Naturschutzgesetzgebung und teilweise gebe es auch eine andere Wertschätzung der Natur in der Bevölkerung. Im Ergebnis sei aber der negative Trend bislang nicht gestoppt worden, da die wesentlichen Gefährdungsursachen nicht oder nur halbherzig angegangen würden.

So komme es, dass mit der zunehmenden Globalisierung die Kurve der Aussterberate erst richtig nach oben geschnellt sei. Alleine in Deutschland ist in den vergangenen knapp 30 Jahren die Insektenbiomasse um mehr als 75 Prozent zurückgegangen. Der Vergleich sorgfältiger wissenschaftlicher Untersuchungen aus verschiedenen Regionen der Erde zeige einen Rückgang der Biomasse von Insekten von 2,5 Prozent pro Jahr. Dies sei eine dramatische Zahl, es handele sich also um ein weltweites Problem.

„Wir befinden uns ziemlich sicher bereits in der sechsten Aussterbephase des nun circa 4,6 Milliarden Jahren alten Planeten Erde, wo enorme Katastrophen wie Meteoriteneinschläge oder gewaltige vulkanische Ereignisse das höhere Leben einige wenige Male an den Rand des Aussterbens gebracht haben – zuletzt vor 66 Millionen Jahren, welches unter anderem das Aussterben der Dinosaurier zur Folge hatte. Der Grund für die aktuelle Massenauslöschung ist der Mensch", so Dr. Segerer.

Die Ursachen des Insektensterbens sind vielfältig, aber bekannt: Hauptverursacher sind der fortschreitende Verlust an Lebensräumen, der weltweite Einsatz von Umweltgiften (Pestiziden), vor allem in der industriellen Landwirtschaft, Monokulturen, Flächenversiegelung sowie Nährstoffeinträge ("reaktiver Stickstoff") aus der Luft. „Das Übermaß an Stickstoffeinträgen ist eine ökologische Langzeitbombe. Die Viehbesatzdichte ist auf ein umweltökologisch und tierethisch sinnvolles Maß zu beschränken“, so Andreas Segerer.

Weiterhin spiele die Isolierung der Lebensräume, die zu einer genetischen Verarmung führen, eine große Rolle. Grafiken zu besonders gut erforschten Tierarten wie dem Apollofalter zeigten auf beklemmende Weise auf, wie in kurzen Zeitabschnitten die Vorkommen dieser Zielart des Naturschutzes von einem größeren Verbreitungszusammenhang in nur noch wenige isolierte Vorkommensgebiete zerfallen sei. Dies belege eindrücklich, dass der amtliche Naturschutz bezüglich Insekten ins Leere laufe. Der gesetzlich verankerte Schutz einzelner Individuen (zum Beispiel Sammelverbot) entfalte hier – anders als bei Wirbeltieren – überhaupt keine Wirkung. Dafür würden Forschung und Lehre ebenso behindert wie der natürliche Entdeckungsdrang unserer Kinder. Im Wortsinn wirklich Not-wendig wäre vielmehr der Erhalt und Schutz der Lebensräume unserer Insekten vor struktureller Verarmung, Fragmentierung und chemischer Belastung.

Insgesamt brauche es nach Dr. Segerer jetzt größte Anstrengungen, das ökonomisch wirksame Profitstreben mehr im Sinne des Allgemeinwohls zu lenken. Der Einsatz von Pestiziden und Düngemittel müsse drastisch reduziert werden ebenso wie der Flächenverbrauch. Die Lösung liege hierbei im Ökolandbau, der Stärkung von Kleinbetrieben und regionaler Vermarktung sowie dem Kauf- und Konsumverhalten der Verbraucher.

Gleichzeitig müsse der Prozentsatz der konsequent geschützten Landschaft und der sich dazwischen befindlichen Vernetzungskorridore ausgebaut und in seiner Leistungsfähigkeit gestärkt werden. Der Weckruf mit dem erfolgreichen Volksbegehren für mehr Artenvielfalt in Bayern sollte bundesweit Nachahmung erfahren, da so viele Menschen erreicht werden, die einerseits politischen Willen erzeugen, anderseits auch in ihrem Umfeld jeweils vieles bewirken können.

Harry Neumann, Vorsitzender der Naturschutzinitiative (NI), bedankte sich unter lang anhaltendem Beifall bei dem Referenten und versprach, dass sich die Naturschutzinitiative in diesem Sinne weiterhin mit allen ihren Kräften engagieren werde. Leider seien keine Ratsmitglieder, Bürgermeister oder Politiker der Einladung zu dieser Veranstaltung gefolgt. Daher müsse man den Einsatz für die biologische Vielfalt und gegen die weitere Lebensraumzerstörung im Westerwald mit neuen Widerstandsformen begegnen, da auch im gesamten Westerwald eine zunehmende Zerstörung von Lebensräumen durch Gewerbe- und Industriegebiete, Autohöfe, Umgehungsstraßen, Freiflächenphotovoltaik und Windindustrieanlagen in Wäldern festzustellen sei.

Die NI freue sich, dass spontan zahlreiche Teilnehmer der Veranstaltung Mitglied der NI geworden seien, um dieses wichtige Anliegen zu unterstützen. „Der Schutz von Lebensräumen gegen ihre fortschreitende Zerstörung und Industrialisierung ist einer der wichtigsten Ziele unseres unabhängigen Verbandes“, so Harry Neumann.

Tiefer gehende Informationen bietet das aktuelle Buch von Andreas Segerer „Das große Insektensterben: Was es bedeutet und was wir jetzt tun müssen“ aus dem Oekom Verlag. Weitere Information zum „10-Punkte-Programm“ („Big Ten“) von Dr. Segerer und zur Naturschutzinitiative e.V. (NI) findet man unter www.naturschutz-initiative.de. (PM)



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Kommentare zu: Umdenken, um biologische Vielfalt zu erhalten

2 Kommentare

Eine zweite existierende Studie des australischen Forschers Dr. Sánchez-Bayo über weltweit 22 Insektenarten (von ca. 1 Million Arten!) wurde zum weltweit größten Artensterben hochstilisiert. Mit Wissenschaft hatten auch die dann folgenden Elaborate nichts zu tun. Der Schmetterlingsspezialist erging sich darin Angst und Panik zu verbreiten um ein weiteres falsches Narrativ für den Ökologismus in die Köpfe des geneigten Publikums zu implantieren: Das große Artensterben ist unter uns! Der Hauptschuldige wurde dann auch schnell per Flächenanteil des deutschen Bodens gefunden: Die Landwirte bewirtschaften die Hälfte der Fläche Deutschlands also stehen diese schon mal unter Generalverdacht! Ohne wissenschaftliche Belege oder Studienergebnisse ging es dann weiter - aber mit etlichen Bildern und Erklärungen und Generalaussagen z.B. zum „reaktiven Stickstoff“, toten Bienen und Pestiziden vorgetragen von einem Schmetterlingsexperten der Zoologischen Staatssammlung München. Der im Übrigen nicht einmal den Unterschied zwischen Wiesen und Weiden beherrschte. Es gipfelte dann in Forderungen zum Umweltschutz und zum Ökolandbau wohlweißlich ohne ein Wort über hochgiftige Schwefel- und Kupferverbindungen oder z.B. die im Ökolandbau zugelassenen Pyrethrine (nicht nützlingsschonend) zu verlieren. In drei Sätzen: Mit Junk-Science - und keinesfalls selbstgebastelten scheinbar logischen Annahmen und Schlussfolgerungen – leicht gedämpftes Bauernbashing und Panikmache im Grünen-Stil: Alarm! Fl
#2 von Gerd Dumke, am 23.03.2019 um 11:50 Uhr
Mein Persönlicher Eindruck: In feinster Manier wurde die Insektenstudie vom Orbroicher Bruch, die mehrmals von Wissenschaftlern als Unstatistik des Monats gewählt wurde als Beleg für das “Insektensterben“ in Deutschland bemüht. Dort ging es um die Abnahme der Fluginsekten in Malaisefallen in denen die Gewichte der Fangergebnisse ermittelt wurden. Eine Peer-Review (Wissenschaftler des Fachs haben es gelesen und für richtig befunden) für die Veröffentlichung gibt es natürlich nicht. Aber so geht es auch: Mittels den Erfahrungen der Hobbywissenschaftler an der eigenen Windschutzscheibe „viel weniger als früher“ kann man auch Überzeugungen prägen. Keine Rede von stark gestiegenen PKW- und LKW Zahlen in Deutschland (PKW 1990 30,68 und 2019 47,10 Millionen) oder der heutigen Windschnittigkeit der Fahrzeuge, die leichte Insekten einfach über die Scheiben wegpusten lassen wurde auch einfach mal übergangen. Die stark gesunkene Anzahl der Landwirtschaftlichen Weidetiere (Keine Scheiße - keine Fliegen) finden keine Erwähnung und auch keine Rede von dem Ergebnis der DLR-Studie: Windräder töten jährlich Milliarden von Fluginsekten. Die Hochgeschwindigkeitszüge wurden ebenso totgeschwiegen.
#1 von Gerd Dumke, am 22.03.2019 um 17:38 Uhr

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