Wenn 18 Stimmen eine ganze Kirche zum Strahlen bringen
Ein Konzert, das die Zeit stillstehen ließ: Die Augsburger Domsingknaben haben am Sonntagnachmittag die Abteikirche Marienstatt in einen Ort voller Gänsehautmomente verwandelt. Auf Einladung von Frater Gregor Brandt nahm das hochkarätige Männerensemble die zahlreichen Besucher mit auf eine faszinierende musikalische Zeitreise, die primär durch die enorme Kraft des reinen, unbegleiteten Gesangs beeindruckte.
Marienstatt. Augen schließen und sich für einen Moment 800 Jahre zurückversetzen lassen – genau dazu lud Frater Gregor Brandt die Besucher am Sonntagnachmittag in der Abteikirche Marienstatt ein. Und tatsächlich: Als die ersten Männerstimmen durch den jahrhundertealten Kirchenraum klangen, entstand eine Atmosphäre, die immer wieder für Gänsehautmomente sorgte. Das Männerensemble der Augsburger Domsingknaben unter der Leitung von Domkapellmeister Stefan Steinemann zeigte eindrucksvoll, welche Kraft allein menschliche Stimmen entfalten können.
Gerade einmal 18 Sänger waren es, die den großen Kirchenraum mit ihrem Gesang erfüllten. Instrumentale Begleitung brauchten sie dafür nicht. Bis auf die Zugabe erklangen die Gesangsstücke ausschließlich a cappella. Die Orgelwerke standen für sich und bildeten einen musikalischen Gegenpol zum reinen Chorgesang.
Die Sänger blieben während des Konzerts keineswegs an einem Platz. Schon beim Einzug kamen sie singend vom Haupteingang aus in die Abteikirche. Im weiteren Verlauf wechselten sie immer wieder ihre Positionen: Mal standen sie im Chorgestühl, mal ganz hinten im Mittelgang oder auf dem Podest am Taufbecken. Mit jedem Standort veränderte sich auch die Akustik. Mal klangen die Stimmen ganz nah und unmittelbar, dann wieder schien der Gesang aus der Ferne durch den Kirchenraum zu kommen. So wurde die Abteikirche selbst zu einem Teil des Konzerts.
Zu den eindrucksvollsten Momenten des Nachmittags gehörte das „Ave Maria“. Zunächst war Domkapellmeister Stefan Steinemann allein mit seiner Stimme zu hören. Später setzte der Chor aus dem hinteren Teil der Abteikirche ein. Was von dort nach vorn drang, war kaum zu glauben: Die Stimmen entwickelten eine solche Klangfülle, als würden 50 Sänger im hinteren Kirchenschiff stehen.
Besonders faszinierend war das Zusammenspiel der unterschiedlichen Stimmlagen. Wenn die Sänger beispielsweise am Taufbecken standen, ließ sich genau beobachten, wie präzise sie aufeinander abgestimmt waren. Meist bildeten sie drei Stimmgruppen, die teilweise zeitversetzt einsetzten und unterschiedliche Melodielinien sangen. Innerhalb jeder Gruppe verschmolzen die einzelnen Stimmen zu einem geschlossenen Klang. Vom gemeinsamen Einsatz über die erstaunlich lange gehaltenen Töne bis zum punktgenauen Ende stimmte alles. Was dabei so selbstverständlich wirkte, verlangte ein Höchstmaß an Konzentration und musikalischem Können.
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Das Programm unter dem Titel „Ab una ad plures voces“ führte durch mehrere Jahrhunderte geistlicher Musik. Werke unter anderem von Guillaume Dufay, Tomás Luis de Victoria, Charles Tournemire und John Taverner zeigten die Vielfalt dieser Musik. Dazwischen setzte Steinemann an der Orgel eigene musikalische Akzente.
Als zwischendurch die Sonne durch die Fenster der Abteikirche fiel und den Kirchenraum erhellte, schien auch der Gesang noch einmal eine besondere Strahlkraft zu entwickeln. Für einen Moment wirkten Licht und Stimmen, als würden sie miteinander um die Wette strahlen.
Hinter dem Konzert steckte zudem eine persönliche Geschichte. Im Gespräch nach der Aufführung erzählte Frater Gregor, dass er Domkapellmeister Stefan Steinemann bereits seit dessen Geburt kennt. Steinemann selbst begann schon mit fünf Jahren bei den Augsburger Domsingknaben. Während seines Kirchenmusikstudiums war er dort bereits als Stimmbildner und Chorleiter tätig, bevor er 2020 als jüngster Domkapellmeister die Leitung übernahm. Die langjährige persönliche Verbindung war für Frater Gregor schließlich der Anlass, Steinemann mit seinem Ensemble nach Marienstatt einzuladen. Tanja Tischler
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