Gute Verkäufer sind nicht automatisch gute Führungskräfte: Warum der Mittelstand im Vertrieb umdenken muss
In vielen mittelständischen Unternehmen im Westerwald und darüber hinaus beginnt eine Führungskarriere mit guten Zahlen. Wer zuverlässig verkauft, wichtige Kunden kennt und über Jahre starke Ergebnisse erzielt, rückt schnell in den Kreis möglicher Vertriebsleiter auf. Die Entscheidung liegt nahe. Doch mit dem Wechsel in eine Führungsposition verändert sich die Aufgabe stärker, als es zunächst den Anschein hat. Plötzlich entscheidet nicht mehr allein die eigene Leistung über den Erfolg. Gefragt sind Kommunikation, Delegation, Mitarbeiterentwicklung und die Fähigkeit, auch schwierige Situationen im Team zu steuern.
Vom erfolgreichen Verkäufer zum Vertriebsleiter
Verkaufsleistung lässt sich vergleichsweise einfach erkennen. Umsätze, Abschlüsse, Neukunden und die Entwicklung wichtiger Kundenbeziehungen liefern konkrete Zahlen. Wer hier dauerhaft überzeugt, genießt meist auch innerhalb des Unternehmens hohes Ansehen.
Hinzu kommt ein weiterer Vorteil. Erfahrene Verkäufer kennen Produkte, Märkte und Kunden oft bis ins Detail. Gerade für mittelständische Betriebe ist eine interne Besetzung deshalb attraktiv. Die betreffende Person kennt die Abläufe bereits, besitzt ein Netzwerk und muss sich nicht erst mit dem Geschäftsmodell vertraut machen.
Damit ist allerdings noch wenig darüber gesagt, wie gut jemand Mitarbeiter führen kann. Fachliche Kompetenz und Führungskompetenz überschneiden sich nur in einigen Bereichen. Ein guter Verkäufer kann beispielsweise überzeugend kommunizieren und Ziele konsequent verfolgen. Als Vorgesetzter muss er jedoch zusätzlich andere Menschen dazu befähigen, auf ihre eigene Weise erfolgreich zu arbeiten.
Fachwissen ersetzt keine Führungskompetenz
Der größte Unterschied zwischen beiden Rollen liegt in der Verantwortung. Ein Verkäufer konzentriert sich in erster Linie auf seine eigenen Kunden und Ergebnisse. Eine Führungskraft wird daran gemessen, wie das gesamte Team arbeitet.
Genau dieser Rollenwechsel fällt vielen neuen Vertriebsleitern schwer. Wer jahrelang gewohnt war, Probleme selbst zu lösen, greift auch als Führungskraft schnell persönlich ein. Ein schwieriges Kundengespräch steht an? Der erfahrene Leiter übernimmt. Ein Mitarbeiter kommt bei einer Verhandlung nicht weiter? Auch hier erscheint es effizienter, selbst tätig zu werden.
Kurzfristig kann das sogar funktionieren. Langfristig entsteht jedoch ein Problem. Mitarbeiter lernen weniger, Verantwortung bleibt bei der Führungskraft und der Vertriebsleiter beschäftigt sich zunehmend mit Aufgaben, die eigentlich im Team liegen sollten.
Gute Führung bedeutet deshalb auch, nicht jede Herausforderung selbst aus dem Weg zu räumen.
Wenn der Vertriebsleiter weiterhin selbst verkauft
Besonders sichtbar wird das bei Führungskräften, die nach der Beförderung weiterhin einen großen Teil ihrer früheren Vertriebsarbeit übernehmen. Häufig steckt dahinter keine bewusste Entscheidung. Die vertraute Tätigkeit vermittelt Sicherheit und schnelle Ergebnisse.
Die eigentliche Führungsarbeit bleibt dann leicht liegen. Feedbackgespräche werden verschoben, Konflikte nicht angesprochen und schwächere Mitarbeiter erhalten zu wenig Unterstützung. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass der eigene Verkaufsstil zum Maßstab für alle anderen wird.
Doch nicht jeder erfolgreiche Verkäufer arbeitet gleich. Manche überzeugen durch intensive Kundenbeziehungen, andere durch genaue Vorbereitung oder besondere Branchenkenntnisse. Aufgabe einer Führungskraft ist es nicht, Kopien des eigenen Vorgehens zu schaffen. Sie muss erkennen, welche Stärken einzelne Mitarbeiter besitzen und wo Entwicklung notwendig ist.
Das setzt andere Fähigkeiten voraus als die persönliche Abschlussstärke.
Mitarbeiter entwickeln statt Probleme selbst lösen
Vertriebsführung besteht zu einem erheblichen Teil aus Kommunikation. Ziele müssen verständlich sein, Erwartungen klar formuliert und Leistungen regelmäßig eingeordnet werden. Dabei reicht es nicht, einmal im Quartal Zahlen zu besprechen.
Gerade bei sehr selbstständig arbeitenden Vertriebsmitarbeitern kommt es auf die Qualität der Gespräche an. Gute Führungskräfte fragen nach Ursachen, wenn Ergebnisse hinter den Erwartungen zurückbleiben. Sie unterscheiden zwischen fehlendem Wissen, ungünstigen Rahmenbedingungen und mangelnder Konsequenz. Anschließend können passende Maßnahmen vereinbart werden.
Professionelles Vertriebstraining beschäftigt sich deshalb nicht nur mit Verkaufsmethoden, sondern zunehmend mit Fragen der Führung, Kommunikation und Mitarbeiterentwicklung. Für neue Vertriebsleiter kann eine gezielte Vorbereitung, wie sie etwa AVBC anbietet, helfen, den Wechsel von der eigenen Verkaufsleistung zur Verantwortung für ein Team bewusster zu gestalten.
Entscheidend bleibt die Umsetzung im Alltag. Führung entwickelt sich durch Gespräche, Entscheidungen und den Umgang mit konkreten Situationen.
Führung auf Distanz braucht Vertrauen
Im Vertrieb kommt eine weitere Besonderheit hinzu. Viele Mitarbeiter verbringen einen großen Teil ihrer Arbeitszeit bei Kunden, unterwegs oder im Homeoffice. Der direkte Kontakt mit der Führungskraft ist dadurch geringer als in vielen anderen Unternehmensbereichen.
Eine dauernde Kontrolle ist unter solchen Bedingungen weder praktikabel noch sinnvoll. Stattdessen braucht es klare Vereinbarungen. Welche Ziele gelten? Welche Informationen sollen regelmäßig ausgetauscht werden? Bei welchen Problemen ist eine Abstimmung erforderlich und welche Entscheidungen kann ein Mitarbeiter selbst treffen?
Vertrauen bedeutet dabei nicht, auf Steuerung zu verzichten. Führungskräfte müssen wissen, wie sich Kunden, Aufträge und Leistungen entwickeln. Gleichzeitig sollte ausreichend Raum für eigenständiges Arbeiten bleiben.
Gerade erfahrene Außendienstmitarbeiter reagieren sensibel darauf, wenn eine neue Führungskraft jeden Schritt kontrollieren möchte. Klare Erwartungen und verlässliche Gespräche sind meist wirkungsvoller als zusätzliche Berichte oder ständige Rückfragen.
Gute Führung zeigt sich auch bei schwächerer Leistung
Solange die Verkaufszahlen stimmen, wirkt Führung vergleichsweise einfach. Anspruchsvoller wird die Aufgabe, wenn ein Mitarbeiter seine Ziele wiederholt verfehlt oder Konflikte im Team entstehen.
Dann zeigt sich, ob eine Führungskraft Probleme offen ansprechen kann. Dazu gehört, Leistungen sachlich zu bewerten, konkrete Erwartungen zu formulieren und gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Ebenso wichtig ist es, Konsequenzen nicht dauerhaft hinauszuschieben.
Druck allein löst solche Situationen selten. Wer ausschließlich höhere Zahlen fordert, erfährt wenig darüber, warum die bisherigen Ergebnisse nicht erreicht wurden. Auf der anderen Seite darf Verständnis nicht dazu führen, dass verbindliche Ziele ihre Bedeutung verlieren.
Konsequente und faire Führung verbindet beides.
Warum Unternehmen Führung früher entwickeln sollten
Mittelständische Unternehmen verfügen häufig über kurze Entscheidungswege und kennen ihre Mitarbeiter sehr gut. Das bietet eine gute Grundlage, potenzielle Führungskräfte frühzeitig zu erkennen. Die Vorbereitung auf eine Leitungsfunktion sollte jedoch nicht erst am Tag der Beförderung beginnen.
Erfahrene Verkäufer können beispielsweise schrittweise Verantwortung für Projekte, neue Kollegen oder kleinere Teams übernehmen. So wird sichtbar, wie sie mit Delegation, Rückmeldungen und unterschiedlichen Persönlichkeiten umgehen.
Auch gezielte Qualifizierung kann den Übergang erleichtern. Sie schafft Gelegenheit, typische Führungssituationen zu durchdenken, bevor sie im Tagesgeschäft unter Zeitdruck gelöst werden müssen.
Davon profitiert nicht nur die neue Führungskraft. Klare Führung kann Orientierung schaffen, die Entwicklung von Mitarbeitern unterstützen und dazu beitragen, gute Vertriebsmitarbeiter langfristig im Unternehmen zu halten.
Verkaufserfolg ist eine gute Grundlage
Ein erfolgreicher Verkäufer kann durchaus ein guter Vertriebsleiter werden. Marktkenntnis, Kundenerfahrung und Glaubwürdigkeit im Team sind dafür wertvolle Voraussetzungen. Die Beförderung sollte jedoch nicht als einfache Fortsetzung der bisherigen Tätigkeit betrachtet werden.
Mit der neuen Position beginnt eine andere Aufgabe. Statt jeden wichtigen Abschluss selbst zu erzielen, geht es darum, Bedingungen zu schaffen, unter denen mehrere Mitarbeiter erfolgreich arbeiten können.
Für mittelständische Unternehmen im Westerwald gilt damit dasselbe wie für Betriebe in anderen Regionen: Wer Führungskräfte aus den eigenen Reihen entwickelt, kann auf vorhandenes Wissen und gewachsene Erfahrung bauen. Entscheidend ist, den Rollenwechsel bewusst zu begleiten und Führung als eigene Kompetenz zu verstehen. (prm)





















