Spiegel-Bestseller: Zwei Großmütter, zwei Weltkriege und die deutsche Geschichte
Von Helmi Tischler-Venter
Im urigen Wasserturm Großmaischeid las die Autorin Katharina Fuchs aus ihrem Spiegel-Bestseller „Zwei Handvoll Leben“. Gemäß dem Motto des Westerwälder Literatursommers „Die goldenen Zwanziger“ spielt der Familienroman vor hundert Jahren. Die Protagonistinnen Charlotte und Anna sind die Großmütter der Autorin. Fuchs’ Beschreibung ihrer Suche nach der Wahrheit erfreute das Publikum besonders.
Großmaischeid. Für Katharina Fuchs stellte sich zunächst die Frage: „Wie fühlt es sich an, mitten in der Geschichte zu leben?“ Im Vorwort erklärt sie: „Dies ist die Geschichte meiner Großmütter. Beide wurden 1900 in derselben Woche geboren.“ Sie konnten nicht wissen, dass 45 Jahre später Deutschland in Trümmern liegen würde. Nach zwei Weltkriegen, Elend und Aufbruch trafen sie sich 1953 durch die Ehe ihrer Kinder Gisela und Felix.
Großmutter Charlotte erzählte ihrer Enkelin vom prächtigen Hofgut in Sachsen, auf dem sie aufgewachsen war und hinterließ Tagebücher, die ihr Leben veranschaulichten. Ihr Alltag und ihre Träume lassen sich daraus ablesen. Fuchs verwebte die Erkenntnisse in spannende Romanform.
Charlottes Vater Richard war ein kluger Landwirt voller Leidenschaft, der sein Land durch Kredit erworben hatte. Charlotte blickte in eine glänzende, sichere Zukunft. 1914 begegnete Charlotte ihrer ersten großen Liebe, dem Notar Leo Händel aus Chemnitz. Von ihm erhielt sie ihren ersten Kuss. Der Weltkrieg zerstörte die Idylle der jungen Leute.
Auch das Leben der Oma Anna verlief 1914 in geordneten Bahnen. Sie hatte das Glück, als Tochter eines Schlossers trotz Geldmangels eine Schneiderlehre machen zu dürfen, denn damals musste Lehrgeld gezahlt werden. Annas Freund Erich erschien eines Nachts vor Annas Haus, mit einem bestimmten Pfiff machte er auf sich aufmerksam. Er kam, um sich von Anna zu verabschieden, weil er sich zum Militärdienst gemeldet hatte. Zum Abschied gab er der Freundin den ersten Kuss.
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Beide Großmütter erzählten von ihren großen ersten Lieben, die sie nie vergessen konnten. Diese Seelenverwandtschaft war die Gemeinsamkeit zwischen den Frauen, nach der die Schriftstellerin mehr als ein Jahrzehnt gesucht hatte. Die Erkenntnis ermöglichte es ihr, die Familiengeschichte als Generationenroman zu schreiben.
Zur Recherche fuhr Fuchs nach Berlin ins KaDeWe, wo Oma Anna als Textilverkäuferin gearbeitet hatte. Das Herrenhaus in Sachsen war abgerissen worden. In Gesprächen mit ihren Eltern, die 1925 und 1929 geboren wurden, erhielt sie Antworten auf viele Fragen.
Die Skrupel der Autorin vor einer Veröffentlichung wischte ihre Mutter mit der Bemerkung beiseite: „Schreib einfach alles auf.“ Das Buch fand zum Glück ihren Gefallen. Die freundliche Katharina Fuchs signierte im Anschluss viele Bände. Sie freute sich auch über das Geschenk, mit dem die Veranstalter ihren Auftritt in Großmaischeid versüßten.
Die Fortsetzung der Familiengeschichte ist in „Neuleben“ festgehalten. Das Buch schildert die Geschichte von Mutter und Tante in den 1950er- und 1960er-Jahren.
Weitere Lesungen im Rahmen der Westerwälder Literaturtage finden Sie unter ww-lit.de. htv
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