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Nachricht vom 09.05.2026    

Die Kunst des scharfen Wortes: Tucholsky neu interpretiert von Oliver Steller

Von Helmi Tischler-Venter

In der dritten Veranstaltung der Westerwälder Literaturtage rezitierte Oliver Steller sehr eindrücklich Texte des Schriftstellers Kurt Tucholsky, der zu den bedeutendsten Literaten der Weimarer Republik zählte. Mit viel Einfühlungsvermögen und Musikalität interpretierte Seller die ironisch-kritischen Texte des 1890 in Berlin geborenen Sohns eines jüdischen Bankdirektors.

Oliver Steller. Fotos: Helmi Tischler-Venter

Neitersen. Die Lesung am 8. Mai in der Wied-Scala in Neitersen war ausverkauft. Steller freute sich, in dem Programm-Kino auftreten zu können, weil solche Häuser noch eine Bühne vor dem Vorhang haben. Der Rezitator begleitete die Tucholsky-Zitate mit bluesigen Klängen auf der Gitarre: „Ich werde mir demnächst fehlen, wenn ich gestorben bin.“

Steller zeigte die Lebensstationen des ewig unzufriedenen kritischen Satirikers auf, der auch unter den Pseudonymen Kaspar Hauser, Peter Panter, Theobald Tiger und Ignaz Wrobel publizierte. Geldsorgen hatte er keine, da sein Vater, der bereits starb, als Kurt 15 Jahre alt war, ein beträchtliches Vermögen hinterließ. So konnte dieser sein Jurastudium abbrechen und sich ganz dem Schreiben widmen. Seine Stärke war es, Gesellschafts- und Medienkritik auf den Punkt zu bringen. Oder Traditionen zu durchbrechen, zum Beispiel mit satirischen Glossen in seinem Privatkochbuch, in dem eine Rezeptur lautet: „Man gieße guten, alten Whisky in eine nicht zu flache Suppenschüssel…“

Der Dr. jur. Tucholsky fand sich plötzlich in der Soldaten-Rolle. Er konzipierte 1916 die erste Ausgabe der Feldzeitung „Der Flieger“ und veröffentlichte zahlreiche Texte in der Zeitung, darunter neun unter seinem bekannten Pseudonym "Theobald Tiger". Seine militärische Erfahrung ließ ihn zum Pazifisten mutieren und gegen den Militarismus schreiben. Dazu gehört das Gedicht "Mutter Gräber", dessen erste Zeile lautet: "Mutter, wozu hast du deinen aufgezogen?"

„Das nächste Lied ist all denen gewidmet, die heute Abend nicht da sind“, kündigte Steller das satirische Gedicht „An das Publikum“ aus dem Jahr 1931 an: „Oh, hochverehrtes Publikum, sag mal, bist du wirklich so dumm?“ Auch zu dem Thema „Mensch“ fand der Satiriker viele treffende Worte, zum Beispiel: „Der Mensch hat neben dem Trieb der Fortpflanzung und dem, zu essen und zu trinken, zwei Leidenschaften: Krach zu machen und nicht zuzuhören.“




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Tucholskys Selbstkritik und Ironie werden in Peter Panthers Text „Der dreiteilige Spiegel“ deutlich, von Steller theatralisch gekonnt dargeboten. Die Inflation fraß das Erbe auf und zwang Tucholsky, als Privatsekretär einer Bank zu arbeiten. Dadurch entstanden „Gestoßene Seufzer“ mit dem Fazit: „Ich bring‘s zu nichts!“, die Steller mit seinem Gesang erhöhte.

Das deutsche Schicksal ist es, vor einem Schalter zu stehen. Das Ideal, hinter einem Schalter zu sitzen.“ Tucholsky zog es von Großstadt zu Großstadt. Ende der zwanziger Jahre zog er nach Schweden, wo er 1935 in Göteborg starb. Einige Jahre zuvor sinnierte er über seine Unsterblichkeit: „Wie mein Nachruf aussehen soll, weiß ich nicht. Aber ich weiß, wie er lauten wird: „Ach“, gesprochen von einem Ehepaar am Abendbrottisch.“

Steller gab noch einige Texte gerappt und mit kölschem oder berlinerischem Zungenschlag zum Besten. Seine Zugabe handelte vom Ideal, Lessing und Heinrich Heine.

Das Programm der Westerwälder Literaturtage ist zu finden unter www.ww-lit.de. htv


Mehr dazu:   Veranstaltungsrückblicke  
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